Die Messe bringt keine Leads: Wo der Ertrag im B2B tatsächlich verloren geht
Von David Rudolph · Zuletzt aktualisiert:
Der Messeauftritt ist im industriellen Mittelstand häufig der größte Einzelposten im Marketingbudget. Er wird selten in Frage gestellt und noch seltener nachgerechnet. Wenn nach der Messe die Auftragslage unverändert ist, lautet die übliche Erklärung, dass Messegeschäft langfristig wirke.
Das stimmt in vielen Fällen. Es erklärt aber nicht, warum die gesammelten Kontakte in der Mehrzahl nie wieder angefasst werden.
Rechnen Sie den Kontakt aus
Die meisten Messebewertungen enden bei der Zahl der Standbesucher. Nützlich wird die Zahl erst, wenn Sie sie mit den Vollkosten verrechnen.
| Position | Ihr Wert |
|---|---|
| Standfläche und Standbau | |
| Standmiete, Technik, Reinigung, Strom | |
| Reise, Übernachtung, Verpflegung | |
| Personaltage mal internem Tagessatz | |
| Werbemittel, Druck, Give-aways | |
| Vorbereitungszeit intern in Tagen | |
| Summe Vollkosten | |
| Erfasste Kontakte | |
| Kosten pro Kontakt | Summe geteilt durch Kontakte |
| Davon nachgefasst innerhalb von 14 Tagen | |
| Daraus entstandene Angebote | |
| Daraus entstandene Aufträge | |
| Kosten pro Auftrag | Summe geteilt durch Aufträge |
Der aufschlussreichste Wert ist die Zeile "nachgefasst innerhalb von 14 Tagen". Sie entscheidet über alle Zeilen darunter.
Die vier Stellen, an denen der Ertrag verloren geht
Vor der Messe: keine Terminierung. Ein Stand, der auf Laufkundschaft wartet, konkurriert mit hunderten anderen. Vorab terminierte Gespräche mit bestehenden Kontakten und Zielkunden verändern die Ertragslage stärker als jede Standgestaltung.
Auf der Messe: keine Qualifizierung. Visitenkarten ohne Notiz sind nach drei Wochen wertlos, weil niemand mehr weiß, worüber gesprochen wurde. Ein Gesprächsbogen mit drei Feldern (Anlass, konkreter Bedarf, nächster Schritt) verändert die Nachfassquote deutlich.
Nach der Messe: kein Prozess. Die Kontakte liegen in einer Tabelle, die Zuständigkeit ist nicht geklärt, der Vertrieb ist mit dem Tagesgeschäft ausgelastet. Nach zwei Wochen sind die Kontakte kalt.
Dauerhaft: keine Verbindung zur übrigen Akquise. Wer auf der Messe Interesse zeigt und danach beim Recherchieren im Netz nichts findet, fällt aus dem Kaufprozess. Der Messeauftritt und die digitale Sichtbarkeit gehören zusammen.
Was in den ersten 14 Tagen nach der Messe passieren muss
- Alle Kontakte innerhalb von 48 Stunden ins CRM, mit Quelle "Messe" und Veranstaltungsname
- Segmentierung in drei Gruppen: konkreter Bedarf, allgemeines Interesse, kein Bedarf
- Gruppe eins bekommt innerhalb von 72 Stunden einen persönlichen Anruf, keine Sammelmail
- Gruppe zwei bekommt eine inhaltliche Nachricht mit Bezug auf das Gespräch
- Nach 14 Tagen eine Auswertung, welche Gruppe wie reagiert hat
Der Aufwand dafür liegt bei wenigen Personentagen. Gemessen an den Vollkosten des Auftritts ist das der günstigste Teil des gesamten Projekts und gleichzeitig der, der am häufigsten entfällt.
Wann ein Messeauftritt trotzdem richtig ist
Messen erfüllen im B2B Funktionen jenseits der Leadgenerierung: Wettbewerbsbeobachtung, Kundenpflege, Personalgewinnung, Präsenzsignal an den Markt. Wer einen Auftritt aus diesen Gründen macht, sollte ihn auch daran messen und nicht an Leadzahlen.
Problematisch wird es, wenn der Auftritt mit Leadgenerierung begründet und dann nie daran gemessen wird.
Häufige Fragen
Wie viele Kontakte sind ein gutes Ergebnis? Die absolute Zahl sagt wenig. Aussagekräftig ist der Anteil der Kontakte mit konkretem Bedarf und die Nachfassquote innerhalb von 14 Tagen.
Sollten wir den Messeauftritt streichen? Erst nach einer Vollkostenrechnung mit Kosten pro Auftrag, verglichen mit anderen Kanälen. Vorher fehlt die Entscheidungsgrundlage.
Wer sollte nachfassen, Vertrieb oder Marketing? Der Vertrieb bei Gruppe eins, das Marketing bei Gruppe zwei. Wichtiger als die Zuordnung ist, dass sie vor der Messe schriftlich feststeht.
Wie lange bleibt ein Messekontakt warm? Erfahrungsgemäß nur wenige Wochen. Ohne belastbare Messung ist das eine Faustregel, keine Kennzahl.
Was ist mit Kontakten ohne aktuellen Bedarf? Sie gehören ins CRM mit Wiedervorlage. Im B2B ist der Zeitpunkt oft das einzige Hindernis.
Lohnt sich ein kleinerer Stand? Häufig ja, wenn das gesparte Budget in Terminierung vorab und Nachfassen danach fließt. Beides wirkt stärker auf den Ertrag als Standgröße.
Wie messen wir den langfristigen Effekt? Über das Quellenfeld im CRM und die Auswertung nach 6 und 12 Monaten. Ohne dieses Feld ist der Langfristeffekt nicht belegbar, sondern nur behauptbar.
Was ändert sich, wenn wir digital sichtbar sind? Der Messekontakt findet beim Nachrecherchieren Substanz. Ohne diese Substanz endet die Prüfung des Interessenten still.
Sollten wir Messeleads anders behandeln als Website-Anfragen? Ja. Ein Messekontakt hat Sie gesehen, aber selten aktiv gesucht. Eine Website-Anfrage hat aktiv gesucht. Die Kaufabsicht unterscheidet sich, die Ansprache sollte es auch.
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